Editionsprojekte

Historisch-kritische Edition der arabisch-lateinischen Übersetzungen einiger Aristoteles-Kommentare des Averroes (= Ibn Rušd)

Projekte der Averroes Latinus Arbeitsstelle der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste am Thomas-Institut. Zur Zeit sind zwei Editionen in Arbeit, eine weitere ist kürzlich erschienen.

Mittlerer Kommentar zu den Categoriae

Dieser Kommentar zu den Categoriae ist ein Teil des Mittleren Kommentars des Averroes über die Logica uetus, deren arabisch-lateinische Übersetzung Wilhelmus de Luna zugeschrieben wird. Mit Hilfe von Prof. Amos Bertolacci (Pisa) wurden der vergleichende arabo-lateinische Apparat fertiggestellt und die Edition abgeschloßen. Sie ist unter dem Titel Commentum medium super Libro Praedicamentorum Aristotelis, Translatio Wilhelmo de Luna adscripta (Averrois Opera, Series B: Averroes Latinus XI), Lovanii: Peeters, 2010 erschienen. (Roland Hissette)

Mittlerer Kommentar zur Isagoge

Mit der Kollation der vier erhaltenen Handschriften und der Editio princeps (1483) wurden die Editionsarbeiten an der mittelalterlichen arabisch-lateinischen Übersetzung des Mittleren Kommentars des Averroes zur Isagoge des Porphyrios fortgesetzt. Dieser Kommentar ist ebenfalls ein Teil des oben erwähnten Mittleren Kommentars des Averroes über die Logica uetus; auch seine Übersetzung wird Wilhelmus de Luna zugeschrieben. Begleitend zu den Editionsarbeiten und anknüpfend an frühere Ergebnisse werden Einzelfragen untersucht, etwa mögliche Doppelübersetzungen und die Inkunabeln der Averroes-Werke. (Roland Hissette)

Großer Kommentar zur Physica

Die lateinische Edition des achten Buches des Physikkommentars konnte im Berichtszeitraum bis zum Kapitel (Text und Kommentar) Nr. 60 vorangebracht werden. Alle Seiten sind zusammen mit den Apparaten satzfertig erstellt. In Vorarbeit für die verschiedenen Indizes der Edition wurde das gesamte achte Buch der arabischen aristotelischen Physik (Badawi-Edition) digitalisiert. Daraus ist als Nebenprodukt eine CD-ROM entstanden, die einen elektronischen Text und Digitalisate der arabischen Handschrift bietet. (Horst Schmieja)

Averroes-Database

Diese digitale Bibliographie, die die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste fördert, wird innerhalb der neuen Forschungsplattform „Digital Averroes Research Environment (DARE)“ weiter betrieben.

Die sogenannte „Epitome“ der aristotelischen Metaphysik des Averroes

Dieses von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung sowie von der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften geförderte Projekt konnte abgeschlossen werden. Die Ergebnisse liegen seit März 2010 in einer kommentierten Übersetzung unter Berücksichtigung der mittelalterlichen arabischen Handschriften und der lateinischen Überlieferung von Averroes’ Schrift vor: Averroes, On Aristotle’s “Metaphysics”. An Annotated Translation of the So-called Epitome (Scientia Graeco-Arabica 5), Berlin: De Gruyter, 2010. (Rüdiger Arnzen. Förderung: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste)

Ausgabe des Sentenzenkommentars des Durandus von St. Pourçain (a S. Porciano)

Wie J. Koch gezeigt hat, ist der Sentenzenkommentar des Durandus von St. Pourçain (1275-1334) in drei Fassungen erhalten. Während die letzte Redaktion im 16. Jahrhundert mehrfach gedruckt worden ist, sind die ersten zwei Versionen bisher unveröffentlicht geblieben. Die erste Fassung (Red. A) ist systematisch und historisch interessant, weil sie einerseits die schärfste Polemik gegen Thomas von Aquin enthält und andererseits sehr kritische Reaktionen von Zeitgenossen (wie z.B. Petrus de Palude und Petrus Aureoli) ausgelöst hat. Aber auch die zweite Fassung (Red. B) ist in diesem Kontext von Belang, da es sich wohl um den umgearbeiteten Entwurf der ersten Fassung handelt, der in Paris 1308 Grundlage von Durandus’ Vorlesung gewesen sein dürfte. Der durch die Edition ermöglichte Vergleich zwischen beiden Fassungen erlaubt es, die Arbeitsweise des Durandus zu beleuchten und die komplizierten Abhängigkeitsverhältnisse der Fassungen und Handschriften untereinander aufzudecken. Im Rahmen des Projektes wird zuerst eine elektronische Kopie der dritten Fassung (ed. Venetiis 1571) erstellt, die als ein effizientes Rechercheinstrument benutzt werden kann. Im Mittelpunkt des Projektes steht sodann die kritische Edition der Fassungen A und B, die auf der Grundlage einer vollständigen Kollation der entsprechenden Handschriften erfolgt. Das erste Buch der dritten Redaktion ist bereits korrigiert und mit einem Quellenapparat versehen worden; der Text ist zusammen mit einer Durandus-Bibliographie online verfügbar (Durandus-Forschung). (Projektleiter: Andreas Speer; Wissenschaftliche Mitarbeiter; Guy Guldentops, Thomas Jeschke, Gianfranco Pellegrino, Fiorella Retucci; studentische Mitarbeiter: Christoph Burdich, Daniel Erlemeier. Förderung: DFG)

Der Sentenzenkommentar im Ms. Brügge 491

Dieses Projekt steht in Verbindung mit der Erschließung des Meister Eckhart-Archivs, in dem sich die Forschungen von Joseph Koch bezüglich des Meister Eckhart zugeschriebenen Sentenzenkommentars finden, sowie der Briefwechsel zwischen Koch, Meersseman und Decker über dessen Authentizität. Die erwiesene Nähe dieses reportatum zur Lectura Thomasina von Guillelmus Petri de Godino macht es wünschenswert, eine Paralleledition dieser zwei Texte herauszugeben, um ihre chronologisch und textuelle Verbindung, sowie ihre mögliche gemeisame Quelle zu erforschen und also für jeden einen kritischen Apparat zu erhalten, der es auch erlaubt, einige Lücken des in einem einzigen Exemplar erhaltenen Brügger Sentenzenkommentars zu schließen. Die Edition dieses reportatum macht der Forschung zudem einen wichtigen Text des Antithomismus im Mittelalter zugänglich. (Maxime Mauriège)

‚Diz sprichet ein hôher meister‘ - kritische Edition und Kommentierung von fünf pseudo-eckhartischen Traktaten aus dem Kontext der Deutschen Mystik [Pfeiffer-Traktate XI, 1; XI, 2; XI, 3; XIII; XVI]

Ziel des Projektes ist es, fünf mittelhochdeutsche Traktate aus dem 14. Jahrhundert sowohl in digitaler Form als auch in Gestalt einer begleitenden Buchausgabe kritisch zu edieren, zu übersetzen und zu kommentieren. Besondere Berücksichtigung findet dabei die Varianz der Überlieferung, insofern diese Aufschluß über die Bemühungen der Redaktoren gibt, schwierige theologische und philosophische Sachverhalte in der Volkssprache darzustellen. Die Vorbereitungen für die Buchpublikation werden bis zum Jahresende abgeschlossen, jene für die digitale Edition sollen im ersten Quartal 2011 ebenfalls ihren Abschluß finden. (Lydia Wegener; studentische Mitarbeiterin: Melissa Davids. Förderung: DFG)

Kritische Edition der Kommentare zu den Büchern V und VI der Nikomachischen Ethik in der lateinischen Übersetzung von Robert Grosseteste

Das Projekt besteht in einer Untersuchung der lateinischen Rezeption der Kommentare zur Nikomachischen Ethik des Aristoteles, verfaßt und zusammengetragen im Konstantinopel des 12. Jahrhunderts auf Anregung der Prinzessin Anna Comnena. Die kritische Edition der Kommentare zu Buch V (von einem Anonymus und Michael von Ephesus) und Buch VI (Eustratius von Nicaea) soll Merckens Edition der Kommentare zu den Büchern I–IV (CLCAG 6.1) und zu den Büchern VII–X (CLCAG 6.3) ergänzen. Die Textedition wird durch eine quellenkritische Studie zum griechischen Originaltext und seiner lateinischen Rezeption im 13. und 14. Jahrhundert eingeleitet. Inzwischen wurden die Handschriftentradition des gesamten Corpus studiert und die Beziehungen der einzelnen Handschriften bestimmt, wobei die Ergebnisse des früheren Herausgebers überprüft wurden. Eine besondere Handschriftengruppe, die in Paris in peciae kopiert wurde, ist gesondert untersucht worden. Ein Vergleich des lateinischen Textes mit den zwei wichtigsten griechischen Handschriften hatte zwar ergeben, daß sich kein deutlicher Zusammenhang zwischen den beiden Handschriftentraditionen feststellen läßt. Eine tiefere Erforschung der griechischen Vorlage von Grossetestes Übersetzung hat jedoch zu zwei Handschriften geführt, die in England von dem griechischen Flüchtling Johannes Servopoulos kopiert worden sind. Zur Zeit wird überprüft, ob diese Handschriften Zeugen der Grosseteste bekannten Version des Originals sind. Die Edition des VI. Buches ist abgeschlossen; gegenwärtig wird der Text von Michaels Kommentar zu Buch V kollationiert. Der Abschluß des Projekts ist für Sommer 2011 geplant. (Michele Trizio. Förderung: Fritz Thyssen Stiftung)

Kritische Edition des zweiten Quodlibets Heinrichs von Lübeck

Gegenstand des Projektes ist das in drei Handschriften überlieferte zweite Quodlibet des Heinrich von Lübeck. Die noch nicht edierten Quodlibeta Heinrichs von Lübeck stellen ein wertvolles Zeugnis der philosophischen Diskussionen innerhalb der Lehrmeinungen der deutschen Dominikaner im 14. Jahrhundert dar. Aufgabe des vorliegenden Forschungsprojektes ist es, die Rolle Heinrichs von Lübeck in der deutschen Philosophie im Umfeld des Dominikanerordens zu erforschen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Frage, in wie weit Heinrich von Lübeck tatsächlich von Thomas von Aquin, Albert dem Großen und Dietrich von Freiberg beeinflußt wurde. (Ubaldo Villani-Lubelli. Förderung: DFG)

Wilhelm von Auxerre, Summa de officiis ecclesiasticis, kritisch-digitale Erstausgabe

In den Anfängen der Pariser Universität um das Jahr 1200 entsteht die Liturgieerklärung des Magisters Wilhelm von Auxerre, mit der er den Versuch unternimmt, alle kultisch-rituellen Vollzüge und Gegenstände der christlichen Liturgie zu erläutern und deren verborgenen Sinn umfassend zu deuten. Die Edition der bisher ungedruckten Summa de officiis ecclesiasticis macht sich die Möglichkeiten der digi- talen Datenverarbeitung zunutze und entwickelt die für kritische Bucheditionen herausgebildeten methodischen Standards und Präsentationsformen im Medium des Digitalen weiter. Der Edition schließt sich eine Studie über die Zeitkonzeption an, die Wilhelms Liturgieverständnis zu Grunde liegt und der gemäß es im Verlauf des rituellen Vollzugs zu einer vielschichtigen Verschränkung von Zeit- und Bedeutungsebenen kommt. Die Arbeit wurde als digitale Edition konzipiert und wird derzeit für die parallele Veröffentlichung als gedruckte Edition und als Internet-Fassung bearbeitet. Auf Anfrage kann bereits Einsicht in die Internet-Fassung genommen werden. (Franz Fischer)

Ein Handbuch mittelalterlicher Kunst? — Relecture der Schedula diversarum artium und Erschließung ihrer handschriftlichen Überlieferung in Form einer kritisch-digitalen Edition

Der anonyme mittelalterliche Traktat mit dem Titel Schedula Diversarum Artium (Über die verschiedenen Künste), der unter Pseudonym Theophilus Presbyter überliefert wurde, ist das wohl bekannteste mittelalterliche Handwerksbuch. Das Werk besteht aus drei Büchern, die von Prologen eingeleitet werden. Die Bücher enthalten äußerst detailreiche Anweisungen über Fertigungsweisen nahezu aller mittelalterlicher Kunstgegenstände – von der Buch- und Wandmalerei über die Glas- und Goldschmiedekunst bis hin zu Glockenguß und Orgelbau.Seit dem Zusammenbruch der Autorhypothese und der Werkstatthypothese durch neuere Forschungen rückt der Text der Schedula und dessen komplexer Überlieferungszusammenhang erneut in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Der entscheidende Schlüssel für ein neues, umfassendes Textverständnis der Schedula liegt in der Materialität ihrer handschriftlichen Überlieferung. Diese wurde in einem ersten Arbeitsschritt des Projektes, das in Zusammenarbeit mit dem Museum Schnütgen (Prof. Dr. Hiltrud Westermann-Angerhausen) durchgeführt wurde, in Gestalt einer kritisch-digitalen Edition umfassend und detailliert gesichert und verläßlich dokumentiert. Hierbei wurde die Handschriftenbasis auf eine komplett neue Grundlage gestellt: 10 Handschriften mußten gestrichen werden; dafür konnten 12 neue Textzeugen aufgefunden werden. Insgesamt umfaßt die Liste der Textzeugen nunmehr 41 Handschriften, darunter 29 bereits bekannte, und die genannten 12 neuen. Damit wurde die Textbasis in einem erheblichen Umfang neu definiert; sie fällt jedoch für jedes der drei Bücher und für die Prologe unterschiedlich aus. Das Schedula-Portal bietet die Möglichkeit, die drei Editionen von Ilg, Escalopier und Dodwell sowie die Digitalisate der Handschriften in einer untereinander verbundenen Ordnungsstruktur einzusehen. Die Erschließung kontextueller Quellen und Datenbanken über Interfaces ist in Vorbereitung. (Ilya Dines, Andreas SpeerKilian Thoben (stud. Mitarbeiter); technische Umsetzung: Jochen BaumbachAndreas BergerTimo CouturaAndreas LammerFlorian Willems. Förderung: Fritz Thyssen Stiftung

Historisch-kritische Edition der Bücher I und II des Physikkommentars des Aegi- dius Romanus

Der Augustiner Aegidius Romanus (ca. 1243/7-1316) ist eine prominente Figur des ausgehenden 13. Jahrhunderts an der Universität Paris. Sein philosophisches Schrifttum besteht hauptsächlich aus Kommentaren zu den Schriften des Aristoteles. Im ausgehenden 13. Jahrhundert und im 14. Jahrhundert waren die Kommentare des Aegidius sehr bekannt; ihre Resonanz ist mit der der Paraphrasen des Albertus Magnus und der Kommentare des Thomas von Aquin durchaus vergleich- bar. Im Mittelpunkt des vorliegenden Projektes steht die Herausgabe der Bücher I und II des Physikkommentars (ca. 1274/75). Sie sind einigen zentralen Themen der Aristotelischen Naturphilosophie, nämlich dem Problem der Prinzipien der Veränderung, dem Naturbegriff, den Begriffen der Notwendigkeit und des Zufalls gewidmet. Der Physikkommentar des Aegidius ist in 30 vollständigen Hss. überliefert. Diese handschriftliche Überlieferung zeigt eine komplexe Struktur, die eine universitäre — d. h. eine aus einem sogenannten universitären exemplar stammende — Tradition sowie auch eine von der universitären unabhängige Tradition umfaßt. Zu Buch I und II ist der Text auf der Basis von 8 Hss. konstituiert, und die Quellen sind nachgewiesen worden. Zur Zeit wird an der historisch-philologischen Einleitung gearbeitet. Die Edition wird im Rahmen der Aegidii Romani Opera omnia, hrsg. von der Unione Accademica Nazionale (Leitung: Francesco Del Punta u. a.), vorbereitet. (Buch I: Silvia Donati; Buch II: Thomas Dewender).

Die Aristotelische Physik (Bücher I-II) an der Artistenfakultät in Oxford ca. 1250-1270

Im Lauf des 13. Jahrhunderts wird die Physik des Aristoteles zu einem zentralen Lehrbuch des philosophischen Curriculums an der Artistenfakultät. Vielleicht als Folge der wiederholten Lehrverbote an der Universität Paris (1210, 1215, 1231) ist für den Zeitraum 1250-1270 die Anzahl der erhaltenen Kommentare aus der Pariser Artistenfakultät bei weitem geringer als diejenige der Kommentare, die aus den englischen Artistenfakultäten (vor allem aus Oxford) stammen. Aus dieser Zeit sind nicht weniger als zehn — in den meisten Fällen anonyme — Quästionen-Kommentare erhalten, die mit Sicherheit oder mit großer Wahrscheinlichkeit an der Oxforder Artistenfakultät verfaßt wurden. Wie sich in der Forschung der letzten fünfzehn Jahre gezeigt hat, liefert dieses corpus von — mit wenigen Ausnahmen — noch un- edierten Texten ein wichtiges Zeugnis über den Oxforder Aristotelismus um die Mitte des 13. Jahrhunderts. Die Teile der Kommentare, die die Bücher III und IV der Physik betreffen, sind inzwischen durch Repertorien der Quästionen und eine digitale Transkription (CD) zugänglich geworden (C. Trifogli, Firenze 2004, 2007). Das vorliegende Projekt beabsichtigt, die Quästionen zu Phys. I und II durch kritische Editionen zugänglich zu machen. Zur Zeit wird die Edition von drei miteinander verwandten Kommentaren vorbereitet: Anonymus, Quaestiones super Physicam, I-IV, Hs. Cambridge, Gonville and Caius College, 367 (589), ff. 120ra- 125vb, 136ra-151vb (Bücher I-II = ff. 120ra-125vb, 136ra-139rb); Anonymus, Quaestiones super Physicam, I-V, Oxford, Merton College, 272, ff. 136ra-174Brb (Bücher I-II = ff. 136ra-152rb); (zusammen mit Cecilia Trifogli, Oxford) Galfridus de Aspall, Quaestiones super Physicam, I-IV, VI, VIII, mehrere Hss. (ganz). (Silvia Donati)