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Bonaventura

Wahrscheinlich im Jahre 1217 unter dem Namen Johannes Fidanza in Bagnoregio geboren, ist Bonaventura die zentrale intellektuelle Figur zwischen der frühen und der späten Franziskanerschule, die in den 50er Jahren des 13. Jahrhunderts als Kollege des Thomas von Aquin an der Theologischen Fakultät der Sorbonne wirkte, bevor Bonaventura 1257 zum siebten Ordensgeneral der Franziskaner gewählt wurde. In dieser Funktion kehrte er Anfang der 70er Jahre noch einmal nach Paris für einen großen Predigtzyklus zum Sechstagewerk zurück, bevor er 1274 auf dem Unionskonzil in Lyon verstarb.
Soeben erschienen ist die Neuauflage von vier zentralen Werken Bonaven-turas (Soliloquium de quattuor mentalibus exercitiis, Itinerarium mentis in Deum, De reductione artium ad theologiam, Collationes in Hexaemeron) mit einer Hinführung von Andreas Speer (WBG, Darmstadt 2018).

Aktuelles Forschungsprojekt:

Deutsche Übersetzung der „Quaestiones disputatae de scientia Christi“

Im Rahmen von „Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters“ werden die „Quaestiones disputatae de scientia Christi“ in einer überarbeiteten deutschen Übersetzung mit Anmerkungen und mit einer Einleitung neu herausgegeben. Diese soll zum achthundertsten Geburtstag Bonaventuras erscheinen.
Die sieben Quästionen über das Wissen Christi hat Bonaventura gewissermaßen als seine Antrittsvorlesung zwischen November 1253 und Frühjahr 1254 in Paris öffentlich disputiert. Sie behandeln im Ausgang von der gottmenschlichen Natur Christi zentrale Fragen des Wissens aus der göttlichen wie der menschlichen Perspektive. Im Mittelpunkt steht das Problem der Erkenntnisgewissheit und ihre epistemische Doppelstruktur in Hinblick auf das Erkenntnissubjekt und auf das Erkenntnisobjekt sowie die Frage der Möglichkeit und der Reichweite der natürlichen Erkenntnis im Horizont einer exemplaristischen Epistemologie, die auch die Frage einer übernatürlichen Erkenntnis einschließt. Die Möglichkeiten des Wissens sind somit eingebunden in das Spannungsfeld geschaffener und ungeschaffener Weisheit. Die sieben Quästionen bieten einen Einblick in die zeitgenössischen Debatten zur Erkenntnislehre (u.a. mit Thomas von Aquin) und ihre metaphysischen Fundierung im Kontext augustinischer und aristotelischer, aber auch dionysischer Theoriestücke. Auf diese Weise verbindet Bonaventura in seinen Quästionen auch die scholastische und die mystische Tradition. (Andreas Speer)