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Averroes (Ibn Rušd)

Die Aristoteleskommentare des Averroes bilden eine Summe der spätantiken und der folgenden arabischen Rezeption der griechischen Philosophie. Als solche haben sie vor allem in ihren lateinischen und hebräischen Übersetzungen über Jahrhunderte einen prägenden Einfluss auf die jeweiligen Wissensdiskurse ausgeübt. In jüngerer Zeit rückt, gestützt durch die Erforschung der dreisprachigen Überlieferung des Werkes, die Gesamtgestalt des Denkens des Averroes, einschließlich seiner juristischen, theologischen und medizinischen Ableger, immer stärker ins Bewusstsein. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei genannten Sprachtraditionen sowie insbesondere die vielfältigen Übersetzungs- und Rezeptionsprozesse finden in der des Averroes Edition und im Digital Averroes Research Environment am Thomas-Institut Berücksichtigung.

Aktuelle Forschungsprojekte:

Historisch-kritische Edition der lateinischen Übersetzungen von Averroes’ Kommentaren zur Logica vetus — Mittlerer Kommentar zur Isagoge

Dieses Werk ist der erste Teil des Mittleren Kommentars des Averroes über die Logica vetus, dessen mittelalterliche arabisch-lateinische Übersetzung Wilhelm de Luna zugeschrieben wird. Veröffentlicht wurden schon die Teile II (Kommentar zu den Categoriae: im Jahre 2010) und III (Kommentar zum Peri Hermeneias: im Jahre 1996).
Angekündigt im letzten Bericht war die Veröffentlichung eines neuen Buches mit der Edition des mittleren Kommentars zur Isagoge. Während des Berichtszeitraums wurde das komplette Buch gedruckt, die Druckfahnen korrigiert und einige Seiten neu bearbeitet. Das Buch wird voraussichtlich Ende 2016 erscheinen (Leuven, Verlag Peeters, VIII-145*-120 Seiten). (Roland Hissette)

Historisch-kritische Edition der fragmentarischen lateinischen Übersetzung von Averroes’ Kommentar zu De partibus animalium und De generatione animalium

Von Averroes’ frühem Kommentarwerk zur Zoologie des Aristoteles, einer der Gattung des „Kompendiums“ angehörenden Bearbeitung von De partibus animalium und De generatione animalium, sind acht Auszüge unterschiedlicher Länge in einer lateinischen Übersetzung des 13. Jahrhunderts überliefert, die wahrscheinlich auf Michael Scotus zurückgeht. Während das arabische Original dieser Schrift verloren ist, existiert eine vollständige hebräische Übersetzung durch Jakob ben Machir, ein Mitglied der berühmten Übersetzerfamilie der Tibboniden, sowie weitere teils umfangreiche Sekundärüberlieferungen in hebräischer Sprache. Die geplante Edition der lateinischen Fragmente soll im Vergleich mit der hebräischen Überlieferung auch Aufschlüsse über den Ursprungstext liefern und insbesondere den bereits bekannten Spuren von Autorrevisionen genauer nachgehen. Darüber hinaus stehen Motive und Prozesse der lateinischen Aneignung des Averroes im Mittelpunkt, die neben der Reihe der Großen Kommentare offenbar auch durch eine gezielte Auswahl aus weiteren Schriften erfolgte. Mit der Transkription der Textzeugen wurde begonnen. (Grégory Clesse, Támas Visi)

Studie zur hebräischen und lateinischen Überlieferung von Averroes’ Großem Kommentar zur Physik

Der Literalkommentar (šarḥ oder tafsīr) zu Aristoteles’ Physik ist das umfangreichste Kommentarwerk des Averroes und, wie eine Autornotiz zeigt, seine früheste Arbeit in dieser Kommentargattung. Während der arabische Originaltext verloren ist, haben sich eine von Michael Scotus (Anfang 13. Jh.) angefertigte lateinische und eine vermutlich dem Qalonymos ben Qalonymos (Anfang 14. Jh.) zuzuschreibende hebräische Übersetzung erhalten, die beide unabhängig von einander aus dem Arabischen angefertigt wurden. Dabei lagen den Übersetzern offenbar unterschiedliche Versionen des Textes vor, die verschiedene Strata der Überarbeitung durch Averroes widerspiegeln. Keine der beiden Übersetzungen ist bisher kritisch ediert. Während die lateinische Übersetzung als universitärer Standardtext in über 70 Handschriften überliefert und in der Renaissance mehrfach gedruckt worden ist, hat sich die hebräische Übersetzung nur in wenigen handschriftlichen Exemplaren erhalten; davon ist nur ein einziges vollständig. Angereichert wird die hebräische Überlieferung allerdings durch eine Reihe von Superkommentaren, die Lemmata des Großen Kommentars bewahren, teilweise jedoch auch mit Textstücken des Mittleren Kommentars (talḫīṣ) vermischen. Die hebräische Übersetzung dieses Mittleren Kommentars zur Physik geht gleichfalls auf Qalonymos zurück und kann daher wahrscheinlich ebenfalls zur Rekonstruktion des Großen Kommentars herangezogen werden. In Vorbereitung einer parallelen kritischen Edition der hebräischen und lateinischen Übersetzung des Großen Kommentars wird im vorliegenden Projekt das skizzierte Überlieferungsfeld im Detail sondiert und beschrieben, sowie eine Probekollationierung durchgeführt. (Grégory Clesse, Oded Horezky)

Siehe außerdem DARE und die Averroes-Database.