Averroes-Latinus

Arbeitsstelle der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste

Im Rahmen des Corpus Philosophorum Medii Aevi der Union Académique Internationale

Averroes

Averroes (1126–98) oder – mit seinem vollen arabischen Namen – Ab? l-Wal?d Mu?ammad Ibn A?mad Ibn Rušd aus Córdoba gehört unbestritten zu den wichtigsten philosophischen Autoren des Mittelalters, der in einzigartiger Weise die Disziplinen der Philosophie, der Medizin, des islamischen Rechts und der islamischen Theologie miteinander verband und in allen diesen Bereichen wichtige Schriften hinterlassen hat.

Seine auf arabisch verfaßten Kommentare zum Corpus Aristotelicum wurden von der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts an auch ins Lateinische übersetzt. Die Bedeutung dieser lateinischen Version der Aristoteles-Kommentare des Averroes für die abendländische Philosophie ist kaum zu überschätzen und reicht weit über die Renaissance hinaus. Die große Wertschätzung kommt auch darin zum Ausdruck, daß Averroes als der "commentator" des "philosophus" galt und so zu einem der einflußreichsten Vermittler des Aristoteles wurde. Auf diese Weise brachte er dem lateinischen Westen die Werke des Aristoteles nahe, dessen Wissenschaftstheorie bis heute das Leitmodell unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation darstellt. Dieses aristotelische Wissenschaftsmodell bot in dem genannten Zeitraum den gemeinsamen intellektuellen Boden, auf dem auch über die damaligen Kulturkreise hinweg kontroverse Themen im Spannungsfeld von Wissenschaft und Religion diskutiert werden konnten. Diese Zusammenhänge wissenschaftlich aufzuklären und bewußt zu machen – u.a. durch eine sorgfältige Rekonstruktion der Überlieferungs- und Übersetzungswege sowie durch die Erschließung der Quellen – darin liegt die Relevanz der Averroes Latinus-Edition.

Das Projekt

Die Averroes Latinus-Edition ist Teil eines internationalen Großprojekts der Averrois Opera, das sich auch auf die arabischen und hebräischen Werke des Ibn Rušd erstreckt. Im Jahr 1931 begann unter dem Dach der Mediaeval Academy of America unter der Leitung von Harry Austryn Wolfson die Edition der Kommentare des Averroes zu Aristoteles (Corpus Commentariorum Averrois in Aristotelem). Nach dem Tod von Wolfson wurde das Projekt von der Union Académique Internationale übernommen. Das Thomas-Institut betreut seitdem die lateinische Sektion mit einer durch die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste getragenen Arbeitsstelle, an der zwei hauptamtliche Editoren beschäftigt sind.

Andreas Speer leitet als Direktor des Averroes Latinus die Arbeitsstelle; die Zentraldirektion liegt derzeit bei Gerhard Endreß (Bochum).

Das Akademieprojekt gilt der erstmaligen kritischen Edition der lateinischen Aristoteles-Kommentare des Averroes. Nach dem von Wolfson vorgelegten Editionsplan sind 15 der 38 Aristoteleskommentare des Averroes im 13. Jahrhundert direkt aus dem Arabischen in das Lateinische übersetzt worden, und zwar vor allem von Michael Scotus, Hermannus Alemannus und Wilhelm von Luna. Unter der Ägide der Mediaeval Academy wurden insgesamt drei der lateinischen Kommentare ediert – allerdings ohne Berücksichtigung des Arabischen: die Epitome zu den Parva naturalia (1949), der Große Kommentar zu De anima (1953) und der Mittlere Kommentar zu De generatione et corruptione (1956). Mit der Wiederaufnahme der Editionsarbeiten in der Verantwortung der Akademie wurde festgelegt, daß die Editionen nach den höchsten wissenschaftlichen Standards, d.h. nunmehr auch unter Berücksichtigung der arabischen Tradition erfolgen sollten. Ziel ist nicht in erster Linie eine doxographische und systematische Erforschung der philosophischen und wissenschaftlichen Lehren des Averroes, sondern die Erstellung einer kritischen Textedition und eine Erforschung der Überlieferung zwischen den drei Sprachen Arabisch, Hebräisch und Latein. Dieses komplexe Vorhaben ist in weiten Teilen Pionierarbeit.

Die Editionen

Commentum magnum in Aristotelis librum Physicorum (Dr. Horst Schmieja
Die lateinische Übersetzung des Physikkommentars des Averroes geht auf Michael Scotus zurück, der große Eingangsprolog vermutlich auf Theodorus Antiochenus. Der Kommentar ist in ca. 60 Handschriften des Mittelalters erhalten. Neben der schieren Quantität besteht die elementare Schwierigkeit bei dieser Edition darin, daß das arabischeOriginal des Physikkommentars nicht erhalten ist. Durch die fehlende Referenz auf den "Urtext" ist die genealogische Aufspaltung der Überlieferung des Textes nur sehr schwer zu erfassen und stellt methodisch ein erhebliches Problem dar. Eine Ausnahme bilden die von Michael Scotus gleichfalls übersetzten lemmata und textus der Physik, die im Aristoteles arabus eine Entsprechung haben. Diesen lemmata und textus kommt damit eine wichtige Funktion für die Etablierung eines lateinisch-arabischen Glossars zu, das für die Konstitution des Textes unerläßlich ist.

Aus dem umfangreichen Gesamtvorhaben wurde eine vermutlich auf Hermannus Alemannus zurückgehende Sonderüberlieferung des Kommentars zu Buch VII der Physik vorab veröffentlicht; siehe Publikationen.

 

Die Wilhelm de Luna zugeschriebenen Übersetzungen zu den Mittleren Kommentaren zum Aristotelischen Organon (Dr. Roland Hissette)
Es handelt sich um fünf arabisch-lateinische Übersetzungen von Averroes' Mittleren Kommentaren: 1. zur Isagoge; 2. zu den Kategorien; 3. zu Peri Hermeneias; 4. zu den Analytica priora; 5. zu den Analytica posteriora. Aus dem Vorliegen eines Übersetzungscorpus, dessen Zuschreibung an Wilhelm de Luna allerdings durch entsprechende Untersuchungen noch weiter zu erhärten ist, sowie aus den Gegebenheiten der Textüberlieferung ergibt sich der innere Zusammenhang und die Abfolge dieses Teilprojekts. So setzt eine historisch-kritische Bearbeitung der Kommentare zu den beiden Analytiken (besonders zu den Analytica priora) wegen ihrer dünnen Überlieferung die Etablierung eines arabo-lateinischen Glossars auf der Basis der übrigen Texte des Corpus voraus.

Die Arbeit wurde mit der Edition des Kommentars zu Peri Hermeneias begonnnen, da dessen handschriftliche Überlieferung relativ breit und die arabische Vorlage erhalten ist. Diese Edition erschien im Jahre 1996; siehe Publikationen.

Anschließend wurde der Kommentar zu den Kategorien bearbeitet, der 2010 erscheint; siehe Publikationen.
Die größte Schwierigkeit für die Edition dieses Kommentars lag darin, daß die Tradition im hohen Maße korrupt und sehr oft kontaminiert ist (u.a. mit den entsprechenden Übersetzungen des Aristoteles latinus); das muß im Variantenapparat notwendigerweise gezeigt werden. Die Verbesserungen der Renaissance-Editionen, die ein gewisses Interesse des Editors für seinen Gegenstand zeigen, konnten für die Konstitution des Textes nicht in Anspruch genommen werden, weil sie nicht von der mittelalterlichen arabisch-lateinischen Übersetzung stammen. Es konnte gezeigt werden, daß sie auf der Grundlage der arabisch-hebräischen Übersetzung (von Jacob Anatoli) gemacht worden sind. Andererseits fanden sich auch Indizien dafür, daß die hebräisch-lateinische Renaissance-Übersetzung des Jacob Mantino von der editio princeps der mittelalterlichen arabisch-lateinichen Übersetzung abhängig ist: Insofern gehört diese Mantino-Übersetzung zur indirekten Tradition des Textes.

Die aktuelle Editionsarbeit betrifft den Kommentar zur Isagoge. Er ist in 4 Handschriften und zahlreichen Renaissance-Editionen erhalten. Von diesem vergleichsweise kürzeren Text (11 Kolumnen in der editio princeps) ist der arabische Referenztext verloren, so daß die Konsultierung der unabhängigen arabisch-hebräischen Übersetzung des Jacob Anatoli notwendig ist, denn es gibt Grund zu vermuten, daß diese der arabischen Vorlage sehr häufig Wort für Wort folgt.

Elektronische Forschungsumgebung

Neben der textkritischen Arbeit ist aus den Mitteln der Arbeitsstelle am Thomas-Institut seit einigen Jahren die Averroes-Database kontinuierlich aufgebaut worden, die ein analytisches Werkverzeichnis und eine sehr umfangreiche Bibliothek der Forschungsliteratur umfaßt und als Referenzportal international Anerkennung gefunden hat (www.thomasinst.uni-koeln.de/averroes_db). Diese Arbeit wird gegenwärtig im Rahmen eines DFG-LIS-Projektes weitergeführt, das dem Aufbau eines Digital Averroes Research Environment (D.A.R.E.) gilt (www.dare.uni-koeln.de).

Kooperation

Edition: Averroes' großer Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles (D. N. Hasse)

Forschungsstelle Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der griechisch-arabisch-lateinischen Tradition (Würzburg)

Publikation im Rahmen der Averroes Latinus Edition

Averroes Latinus, Commentum medium super libro Praedicamentorum Aristotelis. Translatio Wilhelmo de Luna attributa, ed. Roland Hissette (Averrois Opera, Series B: Averroes Latinus, XI), Lovanii: Peeters, 2010.

Averroes, On Arisotle's "Metaphysics". An Annotated translation of the so-called "epitome", ed. RüdigerArnzen (Scientia Graeco-Arabica, Volume 5), Berlin/New York: De Gruyter, 2010.

Averroes, Commentarium magnum in Aristotelis Physicorum librum septimum (Vindobonensis, lat. 2334), ed. Horst Schmieja (Abhandlungen der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften 115), Paderborn: Schöningh, 2008.

 

Rezension von Ruth Glasner, in: Aestimatio 4 (2007).

Averroes Latinus, Commentum medium super libro Peri Hermeneias Aristotelis. Translatio Wilhelmo de Luna attributa, ed. Roland Hissette (Averrois Opera, Series B: Averroes Latinus, XII), Lovanii:Peeters, 1996.

 

Rezension von Kent Emery, Jr., in: Speculum 75 (2000), 196–198.