Forschungsprojekte

Zum Verhältnis von Philosophie und Weisheit

Philosophie und Weisheit im Mittelalter. Ein Beitrag zur Genese des abendländischen Philosophieverständnisses

Die Frage nach dem Ursprung der Philosophie verbirgt sich hinter einer begriffsgeschichtlichen Aitiologie, die auf eine grundlegende Diskursstruktur verweist, in der zu allen Zeiten stets wieder neu die Selbstverständigung darüber geschieht, was Philosophie ist. Bei der Rekonstruktion der „Liebesgeschichte“ zwischen Philosophie und Weisheit kommt dem gewöhnlich wenig beachteten Mittelalter eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird das aristotelische Modell einer philosophischen Weisheit zum Ausgangspunkt kontroverser Debatten um das Selbstverständnis der Philosophie, die auf neuzeitliche Problemstellungen hinführen. Weitere „case-studies“ sind im Berichtszeitraum entstanden. Die darin herausgearbeiteten Ergebnisse sollen in einer Gesamtstudie zusammengefaßt und abschließend bewertet werden. (Andreas Speer)

Neue Perspektiven der Historiographie mittelalterlicher Philosophie

Was mittelalterliche Philosophie sei, diese Frage hat nicht erst seit Gilsons wirkmächtigen Versuchen einer Fixierung zu immer neuen Antworten geführt, die zumeist durch das jeweilige zugrundeliegende Philosophieverständnis und die damit verbundenen Einschluß- und Ausschlußmechanismen bestimmt waren. Nicht zuletzt das Bewußtsein für die Eigendynamik der unterschiedlichen Kulturkreise, in denen das spätantike Erbe der Philosophie seinen Weg in die Moderne nimmt, fragt nach einer genaueren Bestimmung ihrer Interaktion und nach neuen Darstellungsweisen abseits der etablierten „Meistererzählungen“. Hierzu sollen auch neue methodische Ansätze in Anwendung kommen. Das Projekt ist zudem Teil des InterLink-Projektes (Bari-Köln-Sofia-Leuven-Paris) „Soggetto e statuto della filosofia nel Medioevo. Nuove prospettive di ricerca nell’edizione critica dei testi e nelle metodologie di indagine storiografica“. (Andreas Speer. Förderung: MIUR)

Thomas von Aquin im philosophischen Kontext

Thomas von Aquin, In librum Beati Dionysii De divinis nominibus expositio, Buch IV, Lectiones 1-10

Die Begegnung von lateinischem und byzantinischem Mittelalter kann exemplarisch im Dionysius-Kommentar des Thomas von Aquin studiert werden. Von besonderem Interesse innerhalb seines Kommentars zu De divinis nominibus sind die ersten zehn „Lectiones“ des Thomas zum vierten Kapitel seiner Vorlage, in denen zentrale Themen des Neuplatonismus behandelt werden: das Gute, das Licht, die Schönheit und die Liebe. In Arbeit ist eine Übersetzung und Kommentierung auf der Grundlage des kritisch überprüften lateinischen Textes. (Andreas Speer, Jan A. Aertsen)

Die Thomas-Übersetzungen Edith Steins (De veritate und De ente et essentia)

Die Thomas-Übersetzungen Edith Steins sind nicht nur ein wichtiges Zeugnis für den Denkweg der ehemaligen Husserl-Assistentin, sondern stehen auch exemplarisch für die Begegnung von Neuscholastik und moderner Philosophie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Hierbei kommt Thomas von Aquin von Anfang an eine Schlüsselrolle zu. Bereits die im vergangenen Jahr als Band 23 und 24 der Edith Stein–Gesamtausgabe (ESGA) im Druck erschienene kritische Edition der Übersetzung der Quaestiones disputatae de veritate bot zugleich einen umfassenden Einblick in die Arbeitsweise und das philosophische Verständnis Edith Steins. Dieser Einblick ist durch die abgeschlossene Edition der Übersetzung eines der zentralen Werke des Thomas von Aquin „De ente et essentia“ noch vertieft worden. Denn dieser Schrift kommt für Steins eigenes Hauptwerk „Ewiges und endliches Sein“ eine Schlüsselrolle zu. Die kritische Edition (ESGA 26) wird aus dem Manuskript erstmals veröffentlicht zusammen mit den Exzerpten Steins aus der Studie des Dominikanergelehrten M.-D. Roland Gosselin zu diesem für Thomas’ Metaphysikverständnis zentralen Traktat. Die Exzerpte zeigen, wie Edith Stein ihren Thomas liest: nicht nach dem Modell eines orthodoxen Thomismus, sondern am Leitfaden einer historisch-kritischen Scholastik- und Thomas-Forschung nach dem Vorbild der Schule von Le Saulchoir.In Bearbeitung sind ferner die bisher gleichfalls unbekannten anderen Übersetzungen und Exzerpte aus Thomas-Schriften und aus der maßgeblichen Forschungsliteratur, die im nächsten Jahr gleichfalls in der Edith Stein-Gesamtausgabe als Band 27 erscheinen sollen. Die kritische Edition wird begleitet durch eine begriffs- geschichtliche Untersuchung zu Schlüsselbegriffen sowie durch Untersuchungen zu wichtigen Leitthemen und den überlieferten Archiv-Materialien zu den Thomas- Studien Edith Steins und der für ihre Übersetzung benutzten Forschungsliteratur. (Andreas Speer, Francesco Valerio Tommasi. Förderung: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung)

Thomas von Aquin, Quaestio disputata „De libero arbitrio“ (De malo VI)

Auf der Basis der kritischen Gesamtausgabe der Editio Leonina wird derzeit eine deutsche Übersetzung dieses Schlüsseltextes zum Verständnis der thomanischen Lehre vom freien Willensentscheid als Grundlage für das eigentlich menschliche und d.h. selbstverantwortliche freie Handeln des Menschen angefertigt, die mit einem Kommentar und einer ausführlichen Einleitung bei Reclam erscheinen soll. (Andreas Speer)

Philosophische Tierpsychologie bei Thomas von Aquin

Thomas von Aquin untersucht an zahlreichen Stellen seines Schrifttums – etwa in seinen Kommentaren zu verschiedenen aristotelischen Werken (z.B. zu De anima und De sensu et sensato), aber auch im Rahmen seiner beiden Summen – ausführlich die Seele der Tiere (anima brutorum) und die ihr zugeschriebenen kognitiven, volitiven und emotiven Fähigkeiten, und zwar weitgehend frei von theologischen Vorgaben. Aus dem Corpus Thomisticum läßt sich mithin eine philosophische Tierpsychologie rekonstruieren, die – wie zu zeigen sein wird – auch für die aktuelle Diskussion über den ‚Geist der Tiere‘ von einiger Bedeutung ist. (Tobias Davids)

Meister Eckhart: historische und systematische Perspektiven

Die Selbsterkenntnis Gottes bei Meister Eckhart

Nach Eckhart ist die Erkenntnis, durch welche der Mensch dazu bestimmt ist, sich vollkommen in Gott zu erkennen, mit Gottes Selbsterkenntnis identisch: Sie verwirklicht sich durch den Blick, durch den Gott sich selbst betrachtet. Bei Analyse der Texte Eckharts werden daher zwei Ziele verfolgt: 1) Seine Konzeption der Selbsterkenntnis in ihrer vollkommensten Anwendung offenlegen – entsprechend einer Prüfung der Modalitäten oder der Eigenschaften dieses Aktes in Gott; 2) zeigen, daß diese Konzeption eine Definition der Gottesnatur selbst impliziert, weil diese Konzeption Eckhart erlaubt, die metaphysische Realität des göttlichen Intellektes zu charakterisieren und ihre Wirksamkeit klarzumachen, sowie ihre Kausalität und ihre produktive Dynamik (ebensogut in divinis, wie ad extra). Die Forschung geht aus von einer Stelle der deutschen Predigt 80, die den Reichtum der Intellektualität Gottes durch die Ausdehnung seiner Selbsterkenntnis darstellt und eine systematische Darlegung dieser Problematik bietet, welche die Eckhart-Forschung oft vernachlässigt. Die kürzlich abgeschlossene Promotion wird gegenwärtig für den Druck bearbeitet. (Maxime Mauriège)

Der ‚Frankfurter‘ / ‚Theologia deutsch‘. Spielräume und Grenzen des Sagbaren

Das im Juli 2009 abgeschlossene Dissertationsprojekt widmet sich einer doppelten Aufgabe: Zum einen ergründet es, weshalb Martin Luther ausgerechnet den ‚Frankfurter‘ — einen scheinbar konventionellen mystischen Traktat aus dem späten 14. Jahrhundert — als geeignet ansah, um die Legitimationsbasis für sein innovatives anthropologisches Konzept durch ein mittelalterliches Traditionszeugnis zu erweitern. Dazu wird der Nachweis geführt, daß der ‚Frankfurter‘ innerhalb des mystischen Diskurses eine Position einnimmt, die sich in ihrer Radikalität der von Luther rezipierten augustinisch-antipelagianischen Theologie annähert. Zum anderen erschließt die Arbeit vor dem Hintergrund spätmittelalterlicher mystischer Prosatexte das spezifische philosophisch-theologische Profil des Traktats. Insbesondere anhand der Themenkomplexe Gotteslehre und Christologie kann aufgezeigt werden, daß der ‚Frankfurter‘ kontinuierlich den Grenzbereich zwischen Orthodoxie und Heterodoxie auslotet, wobei er den Bereich des dogmatisch Zulässigen mehrfach überschreitet. Die Überarbeitung des Projekts für die Publikation wird bis zum Jahresende abgeschlossen. (Lydia Wegener)

Weitere Projekte

Die mittelalterliche Lehre von den transcendentia

Das Projekt widmet sich der historischen Entwicklung der Lehre von den transcendentia von ihrer Herausbildung im 13. Jahrhundert (Philipp der Kanzler) bis zu ihrer Behandlung in den Disputationes metaphysicae des Francisco Suárez sowie der systematischen Bedeutung der Transzendentalienlehre für die mittelalterliche Philosophie. Geplant ist in Form einer Monographie eine Gesamtdarstellung der Entwicklung der mittelalterlichen Transzendentalienlehre und ihrer wichtigsten systematischen Ausprägungen. Ein besonderes Augenmerk soll auch der Entwicklung der Ersten Philosophie vom Spätmittelalter bis zum 18. Jahrhundert gelten, in der es nach landläufiger Meinung zu einer umfassenden Transformation kommt. Doch führt diese Transformation der Ersten Philosophie wirklich zu ihrer Aufhebung als Seinswissenschaft oder nicht vielmehr zu einer Radikalisierung des herkömmlichen Wissenschaftsverständnisses: nämlich in der Hinwendung von einem theologischen zu einem ontologischen Konzept der Ersten Philosophie, von ihrem Verständnis als praktische Weisheit zu ihrem Verständnis als theoretische Universalwissenschaft, vom Anfang des Denkens beim transzendenten Sein zum Anfang des Denkens beim kategorienübergreifenden — und insofern „transzendentalen“ — Sinngehalt des Sei- enden als solchen? In diesem Zusammenhang verweist die Frage nach den Ursprün- gen und Motiven für die im 17. und 18. Jahrhundert etablierte Aufspaltung der Metaphysik in eine metaphysica generalis und eine metaphysica specialis zurück auf Debatten im Kontext der nachskotischen Metaphysik und näherhin auf den Entwurf des Franziskus von Marchia zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Insbesondere der Neubestimmung des primum obiectum intellectus als „super-transzendental“ kommt dabei eine wesentlich konstitutive Funktion für die Legitimation einer zwei- fachen Metaphysik zu. (Jan A. Aertsen, Sabine Folger-Fonfara)

Die Platonische Ideenlehre in der arabischen Philosophie des Mittelalters

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützte Vorhaben hat die philosophische Begriffsgeschichte von ?uwar afl???niyya (lit. „Platonische Formen“) und muthul afl???niyya (lit. „Platonische Urbilder“) zum Gegenstand. Die Resultate des Projekts, das pünktlich Ende 2010 zum Abschluß kommen wird, sollen in einer kleinen Monographie im Jahr 2011 vorgelegt werden. (Rüdiger Arnzen. Förderung: DFG)

Ibn B???as Kit?b al-nafs: Aristotelische Psychologie als Naturwissenschaft und Fundamentalwissenschaft

Ibn B???a (gest. 1139), den Lateinern als Avempace bekannt, war vor Averroes der erste im arabischen Spanien tätige Philosoph, der sich die Schriften des Aristoteles in systematischer Weise kommentierend erschlossen hat. Damit hat er methodisch und inhaltlich das Wirken des „Kommentators“ vorbereitet und stark beeinflußt. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Seelen- und Intellektlehre, die im Zentrum von Ibn B???as Denken steht. In dem Mitte 2010 abgeschlossenen Dissertationsprojekt wird Ibn B???as Kit?b al-nafs (Buch der Seele) einer neuen Lektüre unterzogen, welche die bisher gängige Trennung zwischen seinen kommentierenden naturphilosophischen und sogenannten „unabhängigen“ intellekttheoretischen Schriften überwindet. Mit Hilfe einer durch das gesamte Werk Ibn B???as hindurch- gehenden Analyse des zentralen Begriffs der Potenz (quwwa) und seinem Einsatz und seiner Weiterentwicklung in der Seelenlehre wird gezeigt, daß Ibn B???a die Psychologie konsequent als Naturwissenschaft konzipiert und auf naturphilo- sophischen Prinzipien aufbaut. Gleichzeitig erweist er sie als Fundamental- wissenschaft, durch welche erst aufgedeckt wird, daß und wie diese Prinzipien auf den Intellekt als auf ein übergeordnetes Prinzip bezogen sind. Zugleich, in dem er sie vollendet, begründet der Intellekt die natürlichen Prinzipien überhaupt erst. Zur Zeit wird die Dissertation für die Publikation überarbeitet. (David Wirmer)

Drachen und Sirenen: Die Abwicklung der Mythologie an den barocken Universitäten

Über die antike Naturgeschichte und Physiologie, vor allem die Werke des Plinius und des Aelian, erreicht die Frühe Neuzeit eine Fülle von hybriden Kreaturen, die ebenso fester Bestandteil der Naturkunde waren wie der Mythographie, unter ihnen Drachen, Zentauren, Giganten, Sirenen oder Satyrn. Während die mittelalterliche Theologie seit Augustinus die Mehrzahl dieser Wesen als einen Bestandteil der Dämonologie behandelte, beginnen Gelehrte des 16. Jahrhunderts, Sirenen oder Satyrn zu rationalisieren und für sie neue Erklärungsansätze zu entwickeln. Eine Naturalisierung der Mischwesen der Mythologie setzt mit Männern wie Scaliger, Gesner, Cardano oder Aldrovandi ein und läßt sich in ihren Ausläufern an den Universitäten in Hunderten von Disputationen bis weit in das 18. Jahrhundert verfolgen. Die Studie, die anhand von fünf Beispielen diesen Prozeß als Teil des wissenschaftlichen Paradigmenwechsels der Neuzeit untersucht, ist 2010 in der Reihe Mittellateinische Studien und Texte in Leiden erschienen. (Bernd Roling)

Die Debatte um das Hebräische in der frühen Neuzeit

Das Erlernen des Hebräischen war in der frühen Neuzeit kein unumstrittenes Unterfangen. Deswegen überrascht es nicht, daß sich die Gattung der lateinischen Lob- bzw. Verteidigungsschrift des Hebräischen im Zeitraum der frühen 1520er Jahre bis ins 18. Jahrhundert nachweisen läßt. Sie weist einen Satz an typischen Argumenten auf, die zur Verteidigung des Erlernens der hebräischen Sprache eloquent, mitunter reißerisch gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner aufgeboten wurden. Abgesehen von der immer wieder toposhaft aufgerufenen dignitas, necessitas oder suavitas wurde typischerweise auf das Alter des Hebräischen abgehoben. Hierin spiegelte sich die zeitgenössische sprachwissenschaftliche Theorie über den Sprachursprung wider. Die hebräische Lobschrift stellt als Stück frühneuzeitlicher Gelehrtenliteratur durch ihre Rückgriffe auf die gelehrten Diskurse der Zeit und ihre polemischen Strategien eine aufschlußreiche Quelle für die Debattenkultur des 16. und 17. Jahrhunderts dar. (Klara Vanek)

Weder Herr noch Knecht. Deleuzes Spinoza-Lektüren

Ausgehend von Gilles Deleuzes paradoxem Imperativ, keinen General in sich aufkommen zu lassen, untersucht dieses Dissertationsprojekt anti-hierarchische Motive innerhalb seiner Spinoza-Interpretation. Hierzu werden besonders die 1980/81 in Vincennes (Paris VIII) gehaltenen Vorlesungen herangezogen, in denen sich Deleuze ausführlicher und deutlicher als sonst mit den Begriffspersonen des Tyrannen und des Sklaven beziehungsweise des Herren und des Knechtes auseinandersetzt. Die Arbeit wurde im November 2010 eingereicht. (Christoph Dittrich)