Schwerpunkte

Vier Kultursprachen – vier philosophische Kulturen

Ein Grundmotiv der Forschungs- und Editionsprojekte des Thomas-Instituts besteht darin, die gesamte Breite dieser Wissensdiskurse und Überlieferungszusammenhänge zu überschauen, und das heißt vor allem, die vier Kulturkreise in den Blick zu nehmen, die sich in das griechisch-antike Erbe teilen – den byzantinischen, lateinischen, arabischen und hebräischen. Die jeweilige Akkulturation der griechischen Philosophie und Wissenschaft unter der gemeinsamen Bedingung des Monotheismus ist sowohl das Moment, das – eher als der inadäquate Epochenbegriff des „Mittelalters“ – die vier sich so entwickelnden philosophischen Kulturen grundsätzlich verbindet, wie auch das Triebmittel, welches ihre Austauschbeziehungen anregt und steuert. Durch die Berücksichtigung aller vier Kultursprachen und philosophischen Kulturen, ergibt sich ein vertieftes Verständnis jeder einzelnen wie auch einzelner Rezeptionsprozesse. Das geschieht teils durch die Präsenz von Einzelprojekten aus den Kulturkreisen, insbesondere jedoch durch die Erforschung von Übersetzungen als Scharnieren der Rezeption und Transformation.

Die sich hiermit befassenden Projekte:

Autoren und Themen

Innerhalb dieses weitgesteckten Feldes setzt das Thomas-Institut sowohl thematische wie autorbezogene Schwerpunkte, wobei die einzelnen Autoren jedoch ebenfalls stets für einen ganzen Kontext und seine systematischen Fragestellungen stehen.

Aktuelle Forschungsprojekte des Thomas-Instituts konzentrieren sich momentan auf die folgenden Autoren: Averroes (Ibn Rušd), Cusanus, Durandus, Meister Eckhart und schließlich Thomas von Aquin.

Averroes

Die Aristoteleskommentare des Averroes bilden eine Summe der spätantiken und der folgenden arabischen Rezeption der griechischen Philosophie. Als solche haben sie vor allem in ihren lateinischen und hebräischen Übersetzungen über Jahrhunderte einen prägenden Einfluß auf die jeweiligen Wissensdiskurse ausgeübt. In jüngerer Zeit rückt, gestützt durch die Erforschung der dreisprachigen Überlieferung des Werkes, die Gesamtgestalt des Denkens des Averroes, einschließlich seiner juristischen, theologischen und medizinischen Ableger immer stärker ins Bewußtsein. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei genannten Sprachtraditionen sowie insbesondere die vielfältigen Übersetzungs- und Rezeptionsprozesse finden in der Edition des Averroes Latinus und im Digital Averroes Research Environment am Thomas-Institut Berücksichtigung.

Hier gelangen Sie zu weiteren Informationen zur Averroes-Forschung (Averroes-Latinus) und dem Digital Averroes Research Environment (D.A.R.E.)!

Thomas

Als exemplarische Gestalt für die intellektuelle Weite und Offenheit der mittelalterlichen Gelehrsamkeit verstand der Gründer des Thomas-Instituts, Joseph Koch, Thomas von Aquin und begründete damit die Namenswahl. Dabei stand Thomas von Aquin, wie die historisch-kritische Thomasforschung zeigt, in vielerlei Hinsicht gegen den „mainstream“ seiner Zeit. Zu diesem Bild gehört die Offenheit für neue Einflüsse, die auch zu veränderten Antworten führten, die Vorliebe, Fragen intellektuell zuzuspitzen, und die Tatsache, dass Thomas bereits kurz nach seinem Tod im Zentrum zum Teil heftiger Kontroversen stand – außerhalb und innerhalb seines Ordens, in Paris und Köln. In diesem Sinne ist Thomas eine wichtige Referenzfigur für zahlreiche Forschungsprojekte am Thomas-Institut, bis hin zur Thomasrezeption in der modernen Philosophie.

Die sich mit Thomas befassenden Projekte:

  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4151 - internal-link>Thomas von Aquin, In librum Beati Dionysii De divinis nominibus expositio, Buch IV, Lectiones 1-10 &nbsp;</link></span></p>
  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4158 - internal-link>Die Thomas-Übersetzungen Edith Steins (De veritate und De ente et essentia)</link></span></p>
  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4159 - internal-link>Thomas von Aquin, Quaestio disputata „De libero arbitrio“ (De malo VI)</link></span>&nbsp;</p>
  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4160 - internal-link>Philosophische Tierpsychologie bei Thomas von Aquin</link></span></p>
Eckhart

Die Erforschung Meister Eckharts im Kontext der Debatten seiner Zeit und im Zusammenhang der Wirkungsgeschichte ist Arbeitsschwerpunkt des Meister Eckhart-Archivs am Thomas-Institut. Hierzu gehört auch die Rekonstruktion zentraler Theoreme wie die spezifische Lehre vom „abditum mentis“, von der Selbsterkenntnis oder die Sondergestalt der Transzendentalienlehre bei Meister Eckhart. Neben der Rekonstruktion der zeitgenössischen Debatten und Kontexte gilt das Interesse ferner der besonders facettenreichen Wirkungsgeschichte von zeitnahen pseudo-eckhartischen Traktaten bis hin zur Theologia deutsch an der Schwelle der Reformation.

Die sich mit Eckhart befassenden Projekte:

  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4162 - internal-link>Die Selbsterkenntnis Gottes bei Meister Eckhart</link></span></p>
  • <p style="margin-top: 0px; margin-right: 0px; margin-bottom: 0px; margin-left: 0px; padding-top: 0px; padding-right: 5px; padding-bottom: 0px; padding-left: 5px; "><span style="text-decoration: none; color: rgb(65, 121, 158); "><link 11602#4163 - internal-link>Der ‚Frankfurter‘ / ‚Theologia deutsch‘. Spielräume und Grenzen des Sagbaren</link></span></p>
Durandus

Unter den Sentenzenkommentaren am Beginn des 14. Jahrhunderts nimmt derjenige des Dominikanertheologen Durandus von St. Pourçain hinsichtlich der Originalität und der Bedeutung dieses Kommentars für die philosophische Mittelalterforschung eine herausragende Stellung ein. Denn der Sentenzenkommentar des Durandus, der in drei Fassungen vorliegt, gibt auf besondere Weise Einblick in die philosophischen und theologischen Debatten an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert im Spannungsfeld von Universität, Ordensstudien und päpstlichem Hof. Zugleich erweist sich der Sentenzenkommentar des Durandus als ein erstrangiges Dokument für die Beurteilung der Auseinandersetzungen innerhalb des Dominikanerordens im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, insbesondere mit Bezug auf die Lehre des Thomas von Aquin. Er wurde zum Ausgangspunkt für eine der mächtigsten intellektuellen Kontroversen des späten Mittelalters. Mit der Edition des Sentenzenkommentars verfolgt das Thomas-Institut auch die genauere Erforschung der Debatten um die Lehre des Thomas von Aquin.

Hier finden Sie das sich mit Durandus befassende Editionsprojekt:

  • <link 11603#4178 - internal-link>Kurzbeschreibung des Projektes</link>
  • <link 11611 - internal-link>Homepage des Projektes</link>
Cusanus

Dem Werk des Nikolaus von Kues galt seit der Gründung des Thomas-Instituts stets ein besonderes Forschungsinteresse. Sein Denken steht für die longue durée vor allem der vielgestaltigen neuplatonischen Tradition, insbesondere auch der griechisch-byzantinischen. Die historisch-kritische Cusanusforschung hat die vielfältigen, auch biographisch greifbaren Bezüge seines Denkens erschlossen. Als einer Grenzfigur zwischen Spätmittelalter und Renaissance führt Nikolaus von Kues zugleich das Arbiträre sogenannter Epochengrenzen vor Augen.

Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Die Erkenntnistheorie stellt derzeit eines der innovativsten Gebiete von Fragestellungen dar, in dem die mittelalterliche Philosophie nicht nur in rezeptions-, problem- und ideengeschichtlicher Perspektive eine zentrale Stellung einnimmt, die alle philosophischen Sprachtraditionen (systematisch und kulturell) gleichermaßen umfaßt und durchkreuzt. Im Ausgang von den antiken Traditionen entwickeln sich eigenständige Theoreme, die insbesondere in den intellekttheoretischen und epistemologischen Debatten, die vom 13. Jahrhundert bis in die Renaissance und in die frühe Neuzeit reichen, aufeinandertreffen und sich mitunter miteinander zu neuen Modellen verbinden (verwiesen sei etwa auf den „augustinisme avicennisant“, auf die averroistische Intellektlehre sowie auf die Verbindung von aristotelischer und ps.-dionysischer Noetik, etc.). Blickt man auf moderne Diskussionen in dem skizzierten thematischen Umfeld, so wird zudem deutlich, in welchem Maße gerade die mittelalterliche Philosophie in epistemologischer, ontologischer und psychologischer Hinsicht über Modelle und Fragestellungen verfügt, die einen signifikanten argumentativen Mehrwert und zugleich eine Fülle interdisziplinärer Bezüge besitzen. Dies gilt ebenso für das benachbarte Gebiet der Wissenschaftstheorie, die durch das Bemühen, die Natur des neu aufgenommenen griechischen Wissens überhaupt zu verstehen, die Ordnung dieser Wissenschaften zueinander zu bestimmen und den autochthonen Wissensbereichen, insbesondere der Offenbarungstheologie, in ihr einen angemessenen Platz zuzuweisen, einen großen Bedeutungszuwachs erfährt. Im Gefolge der Versuche, den Gegenstand und damit die Grenzen und Methoden einer jeden Wissenschaft zu bestimmen, fällt dabei der Erkenntnistheorie eine immer größere Rolle zu, wie sich etwa an der durch Avicenna angestoßenen Frage nach dem Ersterkannten und ihrem Einfluß auf die Entwicklung der Transzendentalienlehre zeigt.

Die sich hiermit befassenden Projekte:

  • <link 11602#4155 - internal-link>Philosophie und Weisheit im Mittelalter. Ein Beitrag zur Genese des abendländischen Philosophieverständnisses</link>
  • <link 11602#4165 - internal-link>Die mittelalterliche Lehre von den transcendentia&nbsp;</link>
Digitale Editionen

In mancher Hinsicht gleichen die Wirkungen des Aufschwungs der digitalen Technik auf den Bereich der Edition, der Verbreitung und der Bearbeitungs- und Erschliessungsmöglichkeiten von Texten den Folgen der Erfindung des Buchdrucks. Insbesondere für die Edition von Texten, die in verschiedenen unabhängigen Versionen überliefert sind, ergeben sich vielversprechende neue Darstellungs- und Rechercheoptionen. Als Beispiele seien hier die am Thomas-Institut digital edierten pseudo-eckhartischen Traktate und die Schedula diversarum artium genannt. Auch für die Dokumentation und Erschließung großer Textkorpora, die wie im Falle des Averroes Übersetzungen, Bearbeitungen und Retroversionen in mehreren Sprachen umfassen, ergeben sich bedeutende Chancen einer einheitlichen und doch für individuelle Forschungsansätze offenen Bereitstellung. Um die sich eröffnenden Möglichkeiten wissenschaftlich angemessen zu nutzen und die von den neuen Techniken digitaler Texterfassung und –auszeichnung angeregten Systematisie- rungen etwa der Handschriftenbeschreibung aktiv mitzugestalten, engagiert sich das Thomas-Institut besonders in entsprechenden Projekten und arbeitet darüber hinaus im Cologne Center for eHumanities (CCeH) an der Entwicklung neuer Lösungen mit.

Die sich hiermit befassenden Projekte:

  • <link 11603#4180 - internal-link>Pseudo-Eckhart</link>
  • <link 11612 - internal-link>Schedula diversarum artium</link>
  • <link http://dare.uni-koeln.de/ - external-link-new-window>D.A.R.E.</link>